Zwischen Himmel und Hölle

und dann sagen die meisten: „häng einfach nicht am negativen fest; klammere dich an die guten Dinge in deinem Leben und an die, die ok sind!“, aber so einfach ist es eben nicht. Wenn man all das schlechte als das schlimmste, und all das gute als das beste empfindet, ist es schwer Dinge zu finden, die einfach mal ok sind. Es gibt keine Grauzonen, es gibt nur das Beste oder das Schlimmste, aber eben nix dazwischen.

Das hier ist wohl der persönlichste Post, den ich jemals geschrieben habe, aber das ist schon gut so, oder vielmehr sollte es das sein. Ich möcht anknüpfen an  „13 Reasons Why“. Die Serie hat uns alle sensibilisiert, die Serie polarisiert, lässt uns aufhorchen.

Ich habe vielerorts gelesen, dass die Serie nicht gut ankommt, eben weil Hannah für die meisten Menschen nicht das Opfer ist, sondern eben doch ein bisschen Täter, weil sie nicht redet. Ich denke, dass, wenn man nicht vom Thema betroffen ist und das Thema einem so fern ist, es auch schwer ist zu greifen. Es gibt Kritik, weil das junge Mädchen mit niemandem redet über ihre Probleme, was das Ganze wesentlich besser hätte machen soll. Tja, leider ist es nicht so einfach, mit jemandem zu reden, wenn alles einfach zuviel wird (was sie im Übrigen in der letzten Folge zur Tape-betreffenden Person sagt). Man weiß nicht, wo man anfangen und wo man beenden soll. Ich bin mir sicher, dass Hannah auch eben nichts mehr fühlt, was sich auf Anhieb kurz und knapp so einfach beschreiben lässt, abgesehen vom Wort „Trauer“.
Und genau das ist leider, was eben depressive Erkrankungen mit sich tragen – Klar, weiß ich, dass es mir schlecht geht, aber im Laufe der Zeit verliert man die einzelnen Ankerpunkte. Irgendwann weiß man nicht mehr, wieso es einem schlecht geht. Einfach diese Leere, die es dort in einem zu füllen gilt, aber selbst hier weiß man nicht, wie und was man agieren sollte, um einen Weg aus der unsäglichen Trauer zu bahnen.

Ja, ich selber habe Borderline. Ja, ich selber leide unter Depressionen. Natürlich ist das für mich nicht „ok“ im konformen Sinne, aber ich habe gelernt, damit umzugehen und damit zu leben. Natürlich stößt man nicht nur durch die Aussage über die Krankheit in der weiteren Umgebung auf Ignoranz und  Intoleranz. Aber auch das ist simpel und logisch erklärt: keiner aus deinem Umfeld will, dass es dir schlecht geht. Vielleicht lässt sich das ganze irgendwann tollerieren, aber noch längst nicht akzeptieren. Der grundlegende Unterschied zwischen Toleranz und Akzeptanz ist doch jener; Toleranz ist eine Duldung. Die Krankheit wird geduldet, sie ist eben da, und gegebenenfalls kann man etwas dagegen unternehmen, ganz abhängig davon, wieviel Macht man sich selber in der Sache zu schreibt. Akzeptanz hingegen ist das Annehmen einer Sache. Welche Eltern, Freunde und Bekannte können es schon einfach hinnehmen, dass ihr Kind/ihre Freundin in diesen unsäglichen Strudel aus Trauer hinabgezogen wird? Das macht es schwerer für die Umgebung des Betroffenen frei darüber zu reden, einfach weil das Verständnis, sowie die eigentliche Erklärung dessen, was nun letztendlich gefühlt wird, fehlen.

Borderline beispielsweise ist eine bipolare Persönlichkeitsstörung, die sich durch die Extrem-Schwankungen innerhalb der Emotionalen Ebene, des Antriebs und der Aktivität auszeichnen. Für die Krankheit Borderline heißt das nicht nur extreme Stimmungsschwankungen, sondern eben wie oben erklärt auch eine extreme Abgrenzung der Dinge in einer Art Schwarz-Weiß-Sicht, geprägt durch eine extrem empfindliche Wahrnehmung der äußeren Umgebung. Betroffene haben ein gestörtes Menschenbild, was bis zur sozialen Abgrenzung hin durchweg zu erkennen ist. Doch neben einer gestörten Fremdwahrnehmung spielt eben auch eine gestörte Selbstwahrnehmung enorm dazu bei, dass Borderliner leichter  in eine soziale Isolation abfallen. Durch diese beiden sozialen Instabilitäten neigen Borderliner zu Verlustängsten.
Borderliner neigen zu einem gewissen Maß an (Auto-)Aggression, gleichbedeutend mit selbstschädigendem Verhalten. Das bedeutet nicht immer, sich zu ritzen. Es kann natürlich auch eine Essstörung oder eine Abhängigkeit sein. Sowohl Drogen, als auch eine Shoppingsucht zählen auch darunter, eben um sich besser zu fühlen, was dem nicht-betroffenem Volk im übrigen im ersten Moment meist auch vollkommen abstrakt erscheint. Das Ganze lässt sich selbstverständlich nicht pauschalisieren – nicht jeder, der autoaggressiv arbeitet, hat Borderline, nicht jeder, der Borderline hat, arbeitet gänzlich autoaggressiv.

Natürlich ist Borderline, wie viele psychologischen Erkrankungen nur begrenzt heilbar. Natürlich lässt sich immer alles mit Medikamenten  lösen (ironie off), dennoch helfen Gespräche mit vertrauten Menschen immernoch mehr. Es hilft, sich sogenannte „Skills“ anzutrainieren. Aktivitäten, die einen gut genug von alldem ablenken und einen von schlechten Gedanken und Tätigkeiten abbringen, so etwas lernt man beispielsweise in einer Verhaltenstherapie. Mit Sicherheit kann man aber nicht all das Verhalten, das jemand an den Tag legt, auf die Krankheit schieben oder alle Taten mit Borderline begründen, denn letztenendes ist der Betroffene immernoch selber Handelnder. Trotzdem schränkt Borderline den Alltag natürlich in gewissen Punkten immer mehr ein, jedoch muss man hier abwägen, inwieweit man sich selber einschränken lässt, das ist aber ein anderes Blatt, auf das ich in einem späteren Post eingehen werde.
In jedem Fall hilft reden, allerdings kann niemand jemanden zum reden zwingen. Und nicht jeder kann mit jedem frei über alles reden, so ist das nunmal. Das hat auch nichts mit persönlicher Zuneigung oder sonstigem zu tun, sondern schlichtweg mit dem Wohlbefinden des einzelnen. Ob Therapeut, Lehrer, Elternteil oder nur flüchtiger Bekannter, das „Wer“ ist vollkommen irrelevant, solang derjenige freiwillig reden will. Wenn ihr also jemanden in eurer Bekanntschaft seht, seht, dass es ihm nicht gut geht, so scheut nicht, zu fragen, was los ist. Wundert euch aber ebenso nicht, wenn er nicht reden möchte. Es erfordert Kraft, Mut, Zeit und einfach schlichtweg die Bereitschaft, sein innerstes ganz offen darzulegen.

Liebe Grüße,

b

* Natürlich muss ich hier ganz klar sagen, dass ich kein Arzt bin, sondern Betroffene. Natürlich muss ich auch dazu sagen, dass dies längst nicht alle Fakten, nicht alle Symptomoe und nicht alle Lösungswege sind, sondern einfach nur ein Text von mir für euch. Über Gedanken und Gefühle. Und über Krankheit.

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5 Gedanken zu „Zwischen Himmel und Hölle

  1. Andrea

    Mich hat die Serie auch total bewegt und ich hatte ja auch dazu etwas geschrieben. Ich finde deinen Post total gut und es ist so wichtig diese Themen anzusprechen, die ja doch viel mehr von uns betreffen als wir manchmal für möglich halten!

    Liebst,
    Andrea

    http://www.andysparkles.de

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  2. Tina

    Ich hab die Serie noch nicht geguckt. Dass Betroffene sich aber nicht jedem gegenüber öffnen möchten bzw. können, kann ich aber absolut verstehen. In unserer Gesellschaft wird man immer noch von vielen komisch angeschaut, wenn man über Panikattacken, Depressionen usw. spricht. Was ich überhaupt nicht verstehe, denn mittlerweile kennt doch schon jeder einen Betroffenen. Für diese Menschen ist so schon schwer genug, da muss man nicht noch doof gucken oder dumme Kommentare abgeben. Ich kenne genug Leute, die eben unter Depressionen oder einem Burnout leiden, Panikattacken und Angstzustände haben.

    LG, Tina

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  3. Héloise

    Ich kenne die Serie noch nicht, aber ich habe im nahen Familienkreis jemanden, der unter schweren Depressionen leidet, und das ist wirklich schon schwer zu tolerieren, geschweige denn zu akzeptieren, wenn man immer mitleidet, aber eben nicht tatsächlicht mitfühlen oder richtig helfen kann =/ Toller ehrlicher Post!
    Love, Héloise
    Et Omnia Vanitas

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  4. Pingback: And I give it all away -

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